Bruno Kurzweil

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Am 13. Jänner 1891 wurde Bruno Kurzweil in Josefstadt (Böhmen) als Sohn des k.u.k. Stabsarztes Dr. Leo Kurzweil und seiner Frau Adele geboren.
Die Familie Kurzweil war noch vor der Jahrhundertwende nach Graz zugezogen. Sie war jüdisch, doch nicht religiös. Bruno Kurzweil selbst trat am 22. September 1912 im Alter von 21 Jahren aus der Kultusgemeinde aus und ließ sich katholisch auf den Namen Bruno Franz Paul taufen. Zehn Jahre später trat er auch aus der katholischen Kirche aus.
Bruno Kurzweil legte am k.u.k. 1. Staatsgymnasium – dem heutigen Akademischen Gymnasium – im Sommer 1909 die Reifeprüfung ab und studierte ab dem Wintersemester 1909/1910 an der juridischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. Dort lehrten zu diesem Zeitpunkt einige prominente Persönlichkeiten, bei denen auch Bruno Kurzweil studierte; so etwa beim Doyen der Fakultät Professor Gustav Hanausek, beim Nationalökonomen Joseph Schumpeter, der 1919 kurzzeitig Finanzminister sein sollte oder beim späteren Landeshauptmann Anton Rintelen. Am 6. Mai 1914 promovierte Bruno Kurzweil zum Doktor der Rechte.

Bereits während seiner Studentenzeit war Bruno Kurzweil innerhalb sozialdemokratischer Organisationen tätig. Unmittelbar nach Beendigung seines Studiums begann Bruno Kurzweil beim Anwalt der steirischen Sozialdemokratischen Partei, Dr. Arnold Eisler, als Rechtsanwaltskonzipient. Nach Beendigung der Konzipientenzeit trat Bruno Kurzweil in die Kanzlei Eisler ein, wobei – durch die häufige Abwesenheit Eislers bedingt – Bruno Kurzweil immer mehr die Aufgaben als Parteianwalt übernahm. Daneben wirkte er noch innerhalb der Mietervereinigung, eine der größten sozialdemokratischen Vereinigungen in der Zwischenkriegszeit, als Rechtsanwalt. Obwohl Arnold Eisler 1925 das Grazer Büro aufgab und nach Wien übersiedelte, bestritten er und Bruno Kurzweil noch eine Reihe großer Verfahren gemeinsam für die Sozialdemokratie bzw. für Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei. Einige der Prozesse sollten Bruno Kurzweil und Arnold Eisler auch über die Grenzen der Steiermark hinaus und – leider auch – bei den Nationalsozialisten berühmt machen.
Im Alter von 31 Jahren heiratete Bruno Kurzweil am 28. November 1922 die ebenfalls aus Böhmen stammende Gisela Trammer (geb. 25. Februar 1900 in Oderberg). Am 31. Jänner 1925 wurde ihr einziges Kind, Adele, geboren. Am 11. Juni 1926 trat Gisela Kurzweil mit ihrer Tochter Adele gemeinsam aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus. Damit gehörten sie zu der immer größeren Zahl von Israeliten in Graz, die sich assimiliert hatten, d.h. für die die jüdische Herkunft zur Nebensächlichkeit geworden war und die deshalb in letzter Konsequenz und zum Teil aus Karrieregründen aus der Kultusgemeinde austraten. Im Jahr 1938 sollte dies letztlich egal sein, denn für die Nationalsozialisten galt die Familie Kurzweil als jüdisch.

Nach der Heirat wohnte die Familie in der Kirchengasse 15 (heute: Schröttergasse 7). Im gleichen Haus wohnte auch der große steirische Architekt Herbert Eichholzer, der 1938 ebenfalls nach Paris emigrieren sollte. Daneben besaß die Familie in der Strauchergasse gemeinsam mit Mitgliedern der Familie von Moritz Robinson, der Chefredakteur der Sozialdemokratischen Zeitung “Arbeiterwille” war, eine Bauparzelle, die sie als Garten nutzten.
Die Familie Kurzweil kann als eine durchaus wohlhabende Familie bezeichnet werden, die selbst in den Krisenjahren der Ersten Republik einen gehobenen Lebensstandard aufrecht hielt. Fotos und Postkarten der Kurzweil aus den Jahren zwischen 1929 und 1933 zeigen Bruno Kurzweil als stolzen Autobesitzer oder die Familie auf Urlaub in Lussin, Barcelona, Malta, Korfu und Cetinje zeigen.
Über Adele Kurweils Kindheit in Graz ist nur wenig bekannt. Sie besuchte die Mädchenvolksschule am Graben und danach bis zum Sommer 1938 das Franz Ferdinand Oberlyzeum in der Sackstraße im heutigen Stadtmuseum. Sie konnte, entgegen der oft aufgestellten Behauptung, sofort nach dem “Anschluss” sei es zur Vertreibung der jüdischen Schülerinnen von den Gymnasien gekommen, das Schuljahr noch beenden. Erst am 12. Juli 1938 wurde per Verordnung jüdischen Kindern die Teilnahme am öffentlichen Unterricht ab dem Schuljahr 1938/39 untersagt). Adele Kurzweil und ihre Eltern waren zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr in Graz, denn auf Grund der Tatsache, dass sie für die Nationalsozialisten als Juden galten und ihnen die wirtschaftliche Existenzgrundlage mit dem Ausschluss des Vaters aus der Rechtsanwaltskammer am 11. Juni 1938 entzogen worden war, hatten sie sich bereits sehr früh um die Möglichkeit einer Ausreise aus dem Deutschen Reich bemüht.
Es ist nicht bekannt, wie Adele auf diese neue Situation reagiert hatte. Anzunehmen ist allerdings, dass es für sie doppelt schwer gewesen sein muss, als das beschützte und behütete Leben zusammenbrach und sie plötzlich als Außenseiterin angesehen wurde. Sie hatte bislang keinen Bezug zum Judentum gehabt und sah sich nun als Jüdin ausgegrenzt. Dass es an der Schule aber nicht zu antisemitischen Übergriffen gekommen sein dürfte und ihre Mitschülerinnen und auch die Lehrerin ihr beistanden, davon zeugen deren Eintragungen in Adeles Stammbuch aus den Monaten Mai und Juni 1938.
Nachdem Bruno Kurzweil am 11. Juni 1938 ein Schreiben der Steiermärkischen Rechtsanwaltskammer erhalten hatte, worin ihm mitgeteilt wurde, dass ihm “die Ausübung (seines) Berufes vorläufig untersagt werde”, er allerdings noch drei Wochen lang verpflichtet sei, die Rechte der von ihm vertretenen Parteien “vor Rechtsnachteilen zu schützen”, dürfte für ihn klar gewesen sein, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Land so rasch wie möglich zu verlassen. Dies umso mehr, als bei ihm neben der Tatsache, dass er nun als Jude Berufsverbot hatte, auch noch seine frühere juristische Tätigkeit für die Sozialdemokratie – u.a. auch gegen die Nationalsozialisten – eine Rolle gespielt haben dürfte.

Bruno Kurzweil hatte sich vorerst im Juni 1938 mit dem Gedanken der Ausreise nach Australien getragen, sich aber letztlich doch für Frankreich entschieden, wo zu diesem Zeitpunkt bereits die gesamte Führung der österreichischen Sozialdemokratie versammelt war.
In der Folge ging alles recht rasch; am 6. Juli 1938 unterfertigte er das “Verzeichnis über das Vermögen von Juden nach dem Stand vom 27. April 1938″, wonach er neben der Bauparzelle in der Strauchergasse noch Wertpapiere, Spareinlagen und Versicherungspolizzen anführte. Anfang August 1938 suchte er beim französischen Generalkonsulat in Wien um ein Einreisevisum für sich und seine Familie an, am 24. September erhielt die Familie Pässe, worin zwei Tage später vom Finanzamt Graz bestätigt wurde, dass die Familie keine finanziellen Ansprüche mehr habe.
Am 1. Oktober 1938 überschritt die Familie Kurzweil bei Feldkirch in Vorarlberg die Grenze zur Schweiz, von wo sie nach Zürich weiterfuhr. In Zürich erhielt die Familie am 17. Oktober 1938 ein Ausreisevisum nach Paris, wo sie sich am 19. Oktober in 55, rue de Compans offiziell registrieren ließ.

In Paris schloss sich Bruno Kurzweil der “Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten”, dem Zusammenschluss der aus Österreich geflohenen Angehörigen der “Revolutionären Sozialisten” und dem aus Prag nach Paris übersiedelten “Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie” um Otto Bauer, an. Er wurde auch innerhalb dieser Organisation tätig, indem er in der von der Auslandsvertretung herausgegebenen Zeitschrift “Sozialistischer Kampf” über “Recht unter dem Nationalsozialismus” Aufsätze verfasste. Daneben schrieb er sich als Hörer bei der “Alliance Francaise” ein.
Gisela Kurzweil absolvierte eine Ausbildung zur Masseurin, die sie mit einem Diplom im Sommer 1939 abschloss. Als um die Weihnachtszeit 1938 in Paris eine “Rote-Falken-Gruppe” namens “Freundschaft” gegründet wurde und sich diese wöchentlich in der Auslandsvertretung traf, gehörte auch Adele dazu. In dieser Gruppe – wie auch in der später in Montmorency bestehenden – waren fast ausschließlich Kinder bekannter österreichischer Sozialdemokraten, die – wie Zeitzeuginnen übereinstimmend aussagten – neben Wanderungen auch Diskussionen über sozialistische Theorie und Geschichte veranstalteten. Diese wöchentlichen Treffen gipfelten im Sommer 1939 in einem einmonatigen Sommerlager in einer Jugendherberge in Plessis-Robinson, einem Vorort von Paris.

Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 1. September 1939 in Polen und die darauf folgende Kriegserklärung Frankreichs und Englands hatten auch für die Familie Kurzweil massive Auswirkungen. Während Bruno Kurzweil im Zusammenhang mit der Internierung der “feindlichen Ausländer”, wozu auch die österreichischen Flüchtlinge gehörten, in das Lager Meslay-du-Maine kam, wurde Adele mit anderen Jugendlichen direkt vom Ferienlager der “Roten Falken” nach Montmorency verlegt, wo Ernst Papanek ein Heim der jüdischen OSE für Flüchtlingskinder leitete. Obwohl Adele in dem Heim gut aufgehoben war und sie von dort aus die vierte Klasse des Lyzeums besuchte, dürfte sie sich dort – wie ihr Briefwechsel mit ihrer Mutter dokumentiert – nicht wohl gefühlt haben. Ihre Mutter war in Paris allein zurückgeblieben und am Rande des Nervenzusammenbruchs mit einer Reihe von Problemen der Unsicherheit konfrontiert. Aus den Briefen zwischen Adele und Gisela Kurzweil geht unter anderem hervor, dass die Mutter Schwierigkeiten mit der Aufenthaltserlaubnis in Paris hatte, sodass sie immer wieder den Gang zur Präfektur antreten musste, um eine Verlängerung zu erhalten.
Die Situation besserte sich ein wenig, nachdem Bruno Kurzweil im Februar 1940 wieder aus dem Internierungslager entlassen worden war. Er wurde in der Folge innerhalb der “Zentralvereinigung österreichischer Emigranten” aktiv.
Nachdem im Mai 1940 die deutsche Offensive im Westen mit dem Einmarsch in Holland und Belgien begonnen hatte, beschloss die “Auslandsvertretung österreichischer Sozialisten” auf Anraten des ehemaligen französischen sozialistischen Ministerpräsidenten Leon Blum in den Süden Frankreichs nach Montauban zu gehen. Die Familie Kurzweil erhielt am 9.Juni einen Sauf-Conduit Collectif, einen Passierschein, der ihnen die Reise nach Montauban bis spätestens 20. Juni gestattete. Während sich die Deutschen Truppen Paris näherten, reiste die Familie nach Montauban, wo sie sich am 17. Juni als Flüchtlinge aus Paris registrieren ließen.

Da dieser von Vichy aus regierte – noch unbesetzte – Teil Frankreichs keine Sicherheit und Garantie und auch keine Möglichkeit bot, politisch im Rahmen der Sozialdemokratie aktiv zu sein, entschlossen sich die führenden Funktionäre der Auslandsvertretung so rasch wie möglich Frankreich zu verlassen.
Bruno Kurzweil gelang es in den folgenden Monaten, für die in Montauban Lebenden sowie für jene, die in den Internierungslagern gefangen waren, durch Hilfe Gelder und Ausreisevisa zu organisieren.
Bruno Kurzweil gelang es aber selbst nicht, sein und das Leben seiner Familie zu retten. Auch wenn eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände dazu geführt hatten, dass sie am 28. August 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden, so dürfte doch Bruno Kurzweil die Bedrohlichkeit der politischen Lage unterschätzt haben. Es wäre vermutlich möglich gewesen zumindest die Tochter Adele zu retten. Doch Bruno Kurzweil wollte offenbar – auch in falscher Einschätzung des Vichy-Regimes – die Familie zusammenhalten und Adele nicht allein in die USA bzw. zu einem späteren Zeitpunkt nach Mexiko gehen lassen.

Der Grund mag vielleicht darin liegen, dass er als Jurist gewohnt war, sich in Paragraphen und Verordnungen zurecht zu finden. So schien er auch der von Petain proklamierten französischen Souveränität zu Unrecht vertraut und sich damit der todbringenden Illusion von Sicherheit für sich und seine Familie hingegeben zu haben. Daher ist es auch erklärlich, dass er sich und seine Familie im Juli 1941 als Juden hat registrieren lassen und nicht wie andere in die Illegalität abgetaucht ist.

Nachdem im Jänner 1942 die Nationalsozialisten auf der “Wannsee-Konferenz” die “Endlösung der Judenfrage” beschlossen hatten, forderte das Deutsche Reich von Frankreich die Auslieferung der Juden. Für die Familie Kurzweil wurde es – wie für Tausende andere auch – zu einem Wettlauf mit der Zeit. Während die rettenden Visa bzw. Passierscheine auf sich warten ließen, kam es im Zusammenhang mit der deutschen Forderung zu Razzien gegen Juden. Allein am 26. August 1942 wurden neben der Familie Kurzweil, die in Auvillar nahe Montauban verhaftet wurde, noch 170 Personen festgenommen und in das Camp de Septfonds gebracht, von wo alle in der Nacht vom 1./2. September nach Drancy und am 9. September mit dem Transport Nr. 30 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden.

Fast gleichzeitig mit der Deportation der Familie nach Auschwitz begannen sich in Graz verschiedene Ämter für die Familie Kurzweil zu interessieren. Der Grund war, dass Bruno Kurzweil im Juli 1938 in seiner Vermögensanmeldung eine Liegenschaft in der Strauchergasse angegeben hatte. Da er jedoch kurz darauf das Land verlassen hatte, war über den Besitz dieser Liegenschaft bei der Vermögensverkehrsstelle, jener Stelle, die die Arisierung jüdischen Vermögens abwickelte, kein Vorgang vorhanden. Aus diesem Grund wurden Erhebungen eingeleitet, die am 8. Dezember 1942 zu folgendem Beschluss führten: “Auf Grund der Aberkennung der Deutschen Staatsangehörigkeit, verlautbart im Deutschen Reichsanzeiger Nr. 286 vom 5. Dezember 1940 und § 3 Abs. 1 der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 RGBI 1. S. 722 wird das Eigentumsrecht zugunsten des Deutschen Reiches (Reichsfinanzverwaltung) einverleibt.” (24) Mit diesem “behördlichen Vorgang” endet die Spur der Familie Kurzweil…

Der Text ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags CLIO entnommen dem Buch:
ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus. Christian Ehetreiber, Heimo Halbrainer, Bettina Ramp: Der Koffer der Adele Kurzweil. Auf den Spuren einer Grazer jüdischen Familie in der Emigration. Graz (CLIO) 2001, gekürzt

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Quelle: http://www.sfa-auvillar.com/pont-de-memoire/kurzweil/D_AKurzweil_Caila_2_1.php

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