Stolpersteine in Graz – Gedenkprojekt für Grazer Opfer des Nationalsozialismus

In Österreich existieren in jeder Gemeinde sogenannte Kriegerdenkmäler, Denkmäler für die Opfer der NS-Diktatur sucht man jedoch meist vergeblich. Um diesem Unverhältnis entgegenzuwirken, hatte sich im Oktober 2012 der „Verein für Gedenkkultur in Graz“ gegründet mit dem Ziel, im Jahr 2013, also 75 Jahre nach dem Beginn des NS-Terrors in Österreich, auch in Graz im öffentlichen Raum (mehr) Erinnerungszeichen für Opfer des Nationalsozialismus zu setzen auf eine für alle EinwohnerInnen und BesucherInnen der Stadt Graz öffentlich zugängliche Weise.

Nach ausführlichen Vorbereitungen 2012 (Vorgespräche mit auf diese Zeit spezialisierten HistorikerInnen, mit VertreterInnen der Israelitischen Kultusgemeinde Graz, der in Graz vertretenen Opferverbände, christlicher Kirchen und mit Interessenvertretungen wie RosaLila PantherInnen, mit Kulturschaffenden, politischen VertreterInnen und interessierten Einzelpersonen) wurde im Jänner 2013 von den VereinsunterstützerInnen die Entscheidung getroffen, das Ziel der Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum konkret mit dem Projekt „Stolpersteine“¹ des Kölner Künstlers Gunter Demnig auch in Graz umzusetzen – wie es schon damals bereits in rund 650 Städten in Deutschland, aber auch in Salzburg, in der Region Braunau, in den Niederlanden, Belgien, Italien, Norwegen, Polen, der Slowakei, Tschechien, der Ukraine und Ungarn durchgeführt worden war. Mittlerweile gibt es in ganz Europa bereits über 56.000 solcher Gedenksteine (Stand: Dezember 2015).²

In Graz wurden am 27. Juli 2013 die ersten 18 Stolpersteine verlegt. In den Jahren 2014 und 2015 kamen weitere 41 Steine dazu und am Freitag, den 17. Juni 2016, um 13:00, in der Annenstraße 31 und am Ruckerlberggürtel 14 sechs Steine für die Familie Blüh / Scharfstein, sodass es derzeit insgesamt 65 Stolpersteine für Grazer NS-Opfer gibt.

 

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Die nächste Verlegung von Stolpersteinen in Graz wird stattfinden:

  • am Dienstag, den 16. August 2016:
  • Teil 1: um 13:00 beim Odilieninstitut, Leonhardstraße 130 für die ermordete Literatin Irene Ransburg
    [dieser Termin findet vorab statt, damit die betreuten Personen und die MitarbeiterInnen des Odilien-Instituts auch daran teilnehmen können –  öffentliche Veranstaltung, aber Transfer nicht mit dem Bus, sondern bitte selständig organisieren]
  • Teil 2: ab 14:00 – ca. 20:30, Beginn am Südtiroler Platz

Verlegung von Stolpersteinen am DI, den 16. August 2016

13:00 bzw. 14:00 – 20:30

  • 13:00 Irene Ransburg: Leonhardstraße 130 (Odilieninstitut) (jüdisches Opfer) – Termin vorab vor „Haupt-Eröffnung“ des Verlege-Tages, damit betreute Personen und MitarbeiterInnen des Odilien-Instituts auch daran teilnehmen können, ist aber auch eine ffentliche Veranstaltung
  • — dann allgemeiner Treffpunkt ab 13:55 am Südtiroler Platz
  • 14:00 Familie Silberstein: Markus, Salka, Sohn Otmar Silberstein: Südtiroler Platz/Mariahilfer Str. 3 (jüdische Opfer)
  • 14:45 Robert Silberstein (Bruder von Markus), Rejla Feiga Silberstein und Kinder Amalie („Melanie“), Otmar, Samuel: Neutorgasse 6-8 (heute Kinderspielplatz bei Hauptbrücke/Schwalbennest) (jüdische Opfer)
  • 15:15 Michael Dicker, Geschäftspartner von Markus Silberstein: Sackstraße 16 (jüdisches Opfer)
  • 15:45 Karoline Boruchowics, Ruchla Teitelbaum, Verwandte von Fam. Silberstein: Josef-Huber-Gasse 4 (jüdische Opfer)
  • 16:15 Ludwig und Gertrude Kohn und die Kinder Walter und Herbert Kohn: Strauchergasse 19 (jüdische Opfer bzw. politischer Widerstandskämpfer)
  • 16:55 Hedwig Düdner. Isak und Sara Düdner, Kinder Ernst und Edgar Düdner: Griesgasse 26 (jüdische Opfer)
  • 17:30 Franz Leitner: Lagergasse 29 (kommunist. Widerstandskämpfer, „Gerechter unter den Völkern“ aufgrund der Rettung zahlreicher jüdischer Kinder)
  • 17:55 Emmerich Gutmann: Rankengasse 24 (homosexuelles Opfer)
  • 18:35 Alois Blühweis und Tochter Helma Blühweis: Elisabethstr. 35 (jüdische Opfer)
  • 19:15 David und Anna Herzog, Söhne Robert und Friedrich: Jakoministr. 8 (jüdische Opfer)
  • 20:00 Johann Moser: Reininghausstraße 50 (Zeuge Jehova, Wehrdienstverweigerung)
  • (zwischen den einzelnen Orten wird es wieder einen kostenlosen Bus-Transfer geben; keine Anmeldung erforderlich)
  • Für 14 Stolpersteine werden noch Personen oder Organisationen gesucht, die Patenschaft und Herstellungskosten (€ 120,–) übernehmen – Informationen unter: verein@stolpersteine-graz.at.

In den meisten Städten – und so ist es auch in Graz – gibt es eine begleitende Projekt-Homepage, auf der ausführlichere Biografien der Opfer zu finden sind, sodass sich das Gedenken nicht rein auf Namen und Lebensdaten der Opfer beschränkt, sondern ihr Leben, ihre Tätigkeiten, ihr persönliches Umfeld
07_VerlegterStein_Ruckerlbergguertel_20160617_155044auch etwas umfassender in Erinnerung gebracht werden können.

Vor den Wohnorten der Opfer wird am Gehsteig eine kleine Tafel aus Messing in den Gehsteig eingelassen, auf der an das Schicksal der Menschen erinnert wird, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubischeBetonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet.

Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-20160618_120919Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen. Gunter Demnig: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist”.

 

1) „Stolpersteine“ sind ein Projekt nach dem Konzept des Künstlers Gunter Demnig, mit dem an das Schicksal jener Menschen erinnert wird, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben, in den Suizid getrieben worden sind oder von „Arisierungs“-Enteignungen betroffen waren; dabei wird sowohl jüdischer Opfer gedacht als auch jener Menschen, die Opfer politischer, religiöser, ethnischer Verfolgung waren, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ermordet wurden oder weil ihr Leben als „unwert“ galt (sogenannte „Euthanasie“).

2) https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine_in_%C3%96sterreich und https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine